„Bist du sein Omi?“ „Nein, sein Mami!“ -
Vom späten Mutterglück

Schweizer Frauen sind bei der Geburt ihres ersten Kindes immer älter. Das Durchschnittsalter von Erstgebärenden lag 1970 bei 25 Jahren, heute ist es bei über 31. Jede dritte Mutter ist sogar schon über 35 Jahre alt. Damit hat das Gebäralter in der Schweiz einen Höchststand erreicht. Weshalb ist das so? Welche Sonnen- und Schattenseiten birgt das späte Mutterglück? Als Spätgebärende schaue ich zurück auf mehr als ein Jahrzehnt Mutterschaft und ziehe Zwischenbilanz.

Ich bin reif – alt bin ich nur in euren Augen

Das Alter einer Mutter war für mich nie ein Big Deal. Schon meine Mutter war bei meiner Geburt 35 Jahre alt - ein Alter, das zur damaligen Zeit als biblisch galt. Als ich selber erst kurz vor meinem 38. Geburtstag schwanger und anschliessend Mutter wurde, hatte ich keinerlei Bedenken, zu alt für die Mutterschaft zu sein. Auch beim zweiten Kind nicht, das ich mit 40 bekam. Entscheidend war für mich, dass ich mich gesund, stark und vor allem bereit für diesen Schritt fühlte. Erst, als in meinem Zusammenhang der Begriff „Risikoschwangerschaft“ fiel, realisierte ich, dass ich mit meinem Alter offenbar aus der Reihe tanzte.

Dass ich eine etwas andere, ältere Mutter war, bemerkte und spürte ich in all den Jahren vor allem dann, wenn ich auf andere Mütter traf. Zum Beispiel in der Mütterberatung, in den Pekip-Kursen, im Babyschwimmen oder später im Kindergarten oder in der Schule. Alleine in Gesellschaft meiner Kinder habe ich mich nie alt gefühlt. Aber ja, rein rechnerisch könnte ich die Grossmutter meiner Kinder sein. Eine Rechnung, die offenbar auch andere machten:

„Weisst du, dass mein Grosi so alt ist wie du?“,
sagte mir einmal ein Klassenkamerad meines Zweitgeborenen.

Offenbar war mein Alter Diskussionsthema in anderen Familien. Vermutlich ist es auch heute noch eins. Natürlich fühle ich mich von derartigen Einschätzungen Dritter nicht geschmeichelt, aber ich kann gut damit leben. Immer besser sogar, denn: Man ist nur so alt, wie man sich fühlt. Das Alter ist nur eine Zahl.

In guter Gesellschaft - Mütter in der Schweiz zählen zu den ältesten Europas

Europaweit lassen sich nur die Italienerinnen mit der Geburt ihres ersten Kindes noch länger Zeit als die Schweizerinnen. Ich verfügte also nicht nur über das beste Vorbild in Form meiner eigenen Mutter, sondern als Italo-Schweizerin auch über die besten kulturellen und gesellschaftlichen Prämissen, um selber eine späte Mutter zu werden. Ich habe meine Mutter sogar übertrumpft. Doch mein Alter ist nichts im Vergleich zu anderen Müttern auf der ganzen Welt.

Die ältesten Mütter der Welt sind über 60

Die Zahl der Frauen, die sogar erst mit über 40 Jahren ihr erstes Kind zur Welt bringen, nimmt zu. Die aus der Serie «Desperate Housewives» bekannte Schauspielerin Marcia Cross wurde mit 44 Jahren zum ersten Mal Mutter. Die italienische Rocksängerin Gianna Nannini bekam mit 54 Jahren ihr erstes Kind. Dies sind nur zwei bekannte Beispiele. Doch nicht nur in der Welt der Prominenten werden Mütter immer älter. Es soll eine Inderin geben, die mit 70 Jahren Zwillinge geboren hat und eine Deutsche, die mit 65 Jahren Mutter von Vierlingen wurde. Auch die Schweiz kennt ältere Mütter: Zum Beispiel hat sich eine ehemalige Pfarrerin mit 66 Jahren den Traum vom eigenen Baby erfüllt. Noch immer handelt es sich dabei um Einzelfälle. Doch der Trend ist klar ersichtlich.

Egoistisch und karrieregeil? Späte Mutterschaft hat mehrere Gründe

Dass Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes immer älter sind, hat mehrere Gründe. Auch bei mir war das so. Einerseits dauert die Ausbildung heutzutage länger und der Eintritt ins Berufsleben erfolgt später. Dadurch findet eine generelle Verschiebung der Lebensphasen nach hinten statt. Gerade Frauen mit einem hohen Bildungsniveau und einer guten Berufsposition stellen sich die Frage nach einer Familie häufig erst dann, wenn die Karriere Fahrt aufgenommen hat. Das Aufschieben der Familienplanung und der Geburt des ersten Kindes zeigt, dass es in den vorangehenden Lebensabschnitten schwierig war, das Kinderhaben mit den beruflichen Interessen zu verknüpfen - Vereinbarkeit von Arbeit und Familienleben lässt grüssen. Andererseits kommt es nicht selten vor, dass eine langjährige Partnerschaft eben genau in dieser auf Arbeit und Karriere fokussierten Lebensphase zwischen 30 und 40 Jahren in die Brüche geht. Nach einem Neuanfang ist die Frau bei der Geburt des ersten Kindes – wie es sich in meinem Fall auch zugetragen hat - folglich bereits etwas in die Jahre gekommen.

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Die biologische Uhr und die Risiken des späten Mutterglücks

Trotz veränderter Lebensentwürfe heutiger Frauen gibt der Körper noch immer das ideale Gebäralter vor: Es liegt zwischen 20 und 25 Jahren. In dieser Zeit sind Frauen am fruchtbarsten. Dem gegenüber gilt das 50. Lebensjahr als Ende des gebärfähigen Alters. Medizinisch betrachtet spricht einiges gegen eine späte Geburt: Mit dem Alter steigen die Risiken für Gendefekte und Schwangerschaftskomplikationen. So liegt bei Frauen über 40 das Risiko, eine Fehlgeburt zu erleiden, bei über 50 Prozent.

Alles kann, nichts muss – Chancen des späten Mutterglücks

Und trotzdem: Häufig läuft alles glatt. Wie auch bereits meine Mutter keine Probleme mit ihrer späten Schwangerschaft hatte, so verlief auch bei mir so weit alles gut - die Startschwierigkeiten beim ersten Kind schreibe ich nicht meinem fortgeschrittenem Alter zu. Im späteren Alter zu gebären, kann gemäss Experten auch Vorteile haben. So hätten späte Eltern eine Geburt eher überlegt und geplant, stünden gefestigter im Leben, seien oft finanziell besser gestellt, hätten ihre Karriereplanung abgeschlossen und somit mehr Zeit für den Nachwuchs. Späte Eltern seien zudem tendenziell scheidungsresistenter. Ein weiterer Pluspunkt einer späten Elternschaft sei, dass Kinder ihre Eltern jung hielten. Ich empfinde all die genannten Chancen durchaus so: Alles kann, nichts muss mehr, wenn man etwas älter ist. Ich habe vieles erlebt, vieles erreicht. Alles, was jetzt noch dazu kommt, ist Zugabe.

Der Wermutstropfen - die Angst vor Krankheiten und Tod

Bei allen Chancen und Vorteilen, die eine späte Mutterschaft mit sich bringen mag – es gibt einen Wermutstropfen, der auch mich immer wieder betrübt: Werde ich lange genug gesund bleiben, um meinen Jungs nicht viel zu früh zur Last zu fallen? Werde ich lange genug leben, um sie als Erwachsene erleben zu können? Vielleicht mit ihren eigenen Kindern? Früher erlebten Jugendliche ihre Eltern als 40- bis 50-Jährige in der Blüte ihrer Schaffenskraft. Wenn mein Jüngerer 20 Jahre alt sein wird, werde ich 60 sein, vielleicht schon eine Frührentnerin. Immer, wenn mich solche Gedanken heimsuchen, tröste ich mich mit der Überlegung, dass keine Mutter eine Garantie hat, lange gesund leben zu können. Dennoch: Sehr viel älter hätte ich aus heutiger Sicht bei der Geburt meiner Kinder nicht sein wollen. Ich habe den für mich letzten Zug noch erwischt und das grosse Glück gehabt, innerhalb von knapp zwei Jahren zwei gesunde Kinder auf die Welt bringen zu können.

Zuversichtlich in die Zukunft schauen – mit dem Kindswohl vor Augen

Wie es Kindern ergeht, wie glücklich und erfüllt sie ihr Leben gestalten, hängt nicht nur vom Alter der Mutter ab. Dieses ist nur ein Kriterium unter vielen anderen. Experten sagen, dass das Alter der Mutter eine weniger wichtige Rolle in der Erziehung spielt, als man denken mag. Für die Kinder ist das Alter der Mutter grundsätzlich ohne Bedeutung. Natürlich stellen sie irgendwann einmal fest, dass ihre Mutter älter ist als andere, aber das ist noch längst keine Wertung. Wesentlich ist, dass Kinder Liebe und Geborgenheit erleben – und das kann auch eine ältere Mutter bieten. Ich habe meine Jungs ein paar Mal auf mein Alter angesprochen und sie fanden stets:

„Mamma, was redest du? Du siehst aus wie 35!“

Richtig, genau so fühle ich mich ja auch! Weshalb also soll ich mir über mein höheres Mutteralter Gedanken machen, wenn dieses für meine Kinder kein Problem darstellt? Unterdessen bin ich 52 Jahre alt, meine Jungs 12 und 14. Wir sind alle gesund, alles läuft rund und noch immer stehe ich ihnen in (fast!) nichts nach. Und was in ein paar Jahren sein wird, das wissen eh nur die Götter!

 

Hast du dir auch schon Gedanken zum Thema „späte Mutterschaft“ gemacht? Bist du vielleicht auch eine späte Mutter? Welche Erfahrungen hast du gemacht? Oder bist du vielleicht eine ganz junge Mutter? Wie ist es dann?

Ein Beitrag von:

Rita Angelone – Die Angelones

Mein Leben als Mutter von zwei Söhnen im Alter von 11 und 13 Jahren ist ein tägliches Abenteuer und stellt eine endlose Quelle an Geschichten und Erfahrungen dar. In unseren wöchentlichen Kolumnen im Tagblatt der Stadt Zürich berichte ich über unser Leben als Italo-Schweizer Familie in Zürich.

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